Wir fordern bessere Arbeitsbedingungen und Arbeitsschutz in der IT – Der Nerd sagt Nein

Von Roland Golla
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Gute Arbeitsbedingungen und Arbeitsschutz in der IT sind wichtig. Leider gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung ein falsches Bild der wichtigen Technologie-Branche. Hier gibt es nur spektakuläre Erfolgsmeldungen. Die Wahrheit und wie die Menschen hinter und in den Hochglanz-Kulissen leben, wird dabei komplett verschwiegen. Steigende Umsätze und Gehälter suggerieren paradiesische Bedingungen für Programmierer beim aktuellen Fachkräftemangel. Aber die Realität sieht leider in großer Verbreitung anders aus. Hoher Druck, fehlendes Know-How und schlechte Softwarequalität sind die Rahmenbedingungen, die leider nicht mit Bällebad und Club Mate kompensiert werden können. Und die Gehälter sind in der Breite auch nicht so hoch, wie man vielleicht denkt. Weil keiner drüber spricht. Das ließe sich ja leicht ändern.

Wir müssen auch mal Nein sagen dürfen – Kunden dürfen nicht über unser Leben und Arbeitsbedingungen bestimmen

Viele Programmierer sind tatsächlich introvertierte Leute, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben und sich nicht trauen auf den Tisch zu hauen. Es sind halt echt nette und vor allem bescheidene Nerds. Aber das wir etwas sagen und vor allem einmal darauf gehört wird ist dringend nötig, denn in der digitalen Revolution nehmen wir immer öfter starken gesundheitlichen Schaden. Ständig am besten mit immer kürzeren Release-Zyklen sollen professionelle Ergebnisse in chaotischen Arbeitsfeldern und bei schlechten Arbeitsbedingungen geliefert werden. Und das bekommen wir leider bei weitem nicht mehr hin. Zu oft wird das geringste Ergebnis völlig leidenschaftslos und ohne eine Innovation rausgehauen. Der Grund ist dabei am Ende immer gleich. Der Kunde will das so. Und das ist ja an für sich einfach schon ein Umstand, der im Jahr 2019 doch völlig überholt sein sollte. Am Ende soll doch der Markt den Preis bestimmen.

Gute Arbeit muss belohnt werden – wir brauchen Sachverstand und Kunden dürfen nicht betrogen werden

Sachverstand in der IT für bessere Arbeitsbedingungen
Sachverstand in der IT für bessere Arbeitsbedingungen

Wie ist eigentlich genau der Zusammenhang zwischen den wachsenden IT-Zahlen und meiner Mahnung im Bezug auf Softwarequalität zu verstehen? Ich denke gerade bei Straßenbau kennen wir selber genug Beispiele für vorsätzliches Chaos. Auch in meinen Forderungen geht es um Infrastruktur und Nachhaltigkeit. Und natürlich um die richtigen Werkzeuge. Einfach mal Dinge richtig und mit den richtigen Werkzeugen tun zu dürfen, anstatt sich immer unsinnigen Sparmaßnahmen und Kesselflickerei hinzugeben. Leider sind bildliche Vergleiche immer schwer zu greifen, da sie trotz aller Parallelen zu weit hergeholt sind. Das Schlimme ist allerdings, dass alle Web-Agenturen und Dienstleister immer angeblich professionelle Arbeit mit erstklassigen Teams auf hohem Niveau abliefern. Und das ist einfach gelogen. Hier wird leider sehr oft schlechte Arbeit für teures Geld verkauft. Umfragen auf zahlreichen Konferenzen, Usergroups und Meetups unter hunderten Entwicklern ergaben ein schreckliches und deprimierendes Bild aktueller Arbeitsbedingungen im Umfeld der Web Entwicklung. Alte Softwarekomponenten, abenteuerliche Deployments und natürlich keine automatisierten Tests. „Wir klicken da mal ein wenig durch“, es ist halt für alle Beteiligten ein deutlich besseres Leben, wenn hier nichts gefunden wird. Die Umstände sind so schlecht, dass sie negative gesundheitliche Auswirkungen auf die Entwickler haben, die diese chaotischen Umstände irgendwie am Leben halten müssen. Dabei scheint es Kunden tatsächlich nicht klar zu sein, was ihnen da jedes mal untergejubelt wird und wofür sie viel Geld bezahlen. Kunden sollten sich daher eine zweite Meinung mit Hilfe von Sachverstand einholen. Never Code Alone hat das schon früh gefordert und steht hier für Beratung und Hilfe mit einem guten Netzwerk aus guten und motivierten Entwicklern bereit.

Es ist eine Frage der Ethik – was ist denn wenn der Kunde das nun mal so will – bekommen wir alle keine Jobs mehr

Arbeitsbedingungen beim Web Development
Arbeitsbedingungen beim Web Development

Aus großer Macht folgt große Verantwortung – und obwohl wir alle auf Spiderman und Superhelden stehen lassen wir uns von Kunden und vor allem Kaufmännern unsere Arbeitsbedingungen und dadurch auch unser Leben diktieren. Dabei sind wir mit wirklich tollen Jobs, in Zeiten des Fachkräftemangels, der starken Auftragslage und bei den steigenden Umsätzen im Internet voll am Drücker. Wir sind die Profis und müssen sagen, was wir brauchen und tun müssen um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen. Das bedeutet, dass wir fachlich unsinnige Entscheidungen auf Basis von unnötigen Sparmaßnahmen ablehnen müssen. Denn es kann nicht sein, dass das Prinzip „VW Golf bestellen und Porsche fahren“ bestehen bleibt. Das funktioniert nur mit Überstunden und erheblichen mentalen Anstrengungen, die uns halt alle auch nicht weiter bringen. Hier können sich weder wir, unsere Arbeitgeber oder unsere Kunden entwickeln. Das hat leider auch negative Auswirkungen auf den IT-Standort in Deutschland. Durch schlechte Arbeit machen wir uns unseren eigenen Markt kaputt. Gerade wir müssen über den Tellerrand blicken und einfach Bock auf unsere Jobs und Projekte haben. Alles andere dürfen wir nicht länger akzeptieren und müssen hier mal einheitlich einen Standard formulieren, fordern und durchsetzen.

Für gute Arbeit und Arbeitsbedingungen reicht das Geld einfach nicht – weil es anderen Stellen verbrannt wird

Für bessere Arbeitsbedingungen in der IT
Für bessere Arbeitsbedingungen in der IT

Es gibt immer die Mär vom beratungsresistenten Kunden, der alle nachhaltigen, fachlichen und notwendigen Maßnahmen ausschlägt und aktiv ablehnt. Das als Verantwortlicher zu tolerieren und durchgehen zu lassen ist falsch und überholt. Aber solange sich immer wieder gute Entwickler finden, die diese Jobs ausführen, werden sich die Arbeitsbedingungen für uns nicht ändern. Seit ich Entwickler bin sehe ich mich immer mit der sogenannten „Wirtschaftlichkeit“ und der „Marktsituation“ konfrontiert. Aber wir haben volle Auftragsbücher und verkaufen deutlich mehr Stunden als Anfang 2000, als wir um Aufträge betteln mussten. Wir haben schicke Büros, an wichtigen Standorten und auch das Umfeld der Programmierer hat zahlreiche Jobs generiert, die ebenfalls alle bezahlt werden. Hier wird ein gewaltiger Wasserkopf unterhalten, der praktisch einen ganzen Tagessatz verschlingen kann, ohne das irgendwas programmiert wurde. Auch das ist leider eine traurige Tatsache. Wir Programmierer dürfen uns beispielsweise nicht einmal an einem Tag in der Woche um Instandhaltung, Innovation und gegen technische Schulden einbringen. Auf der anderen Seite sind Meetings und auch Krisengespräche ein großer Teil von Projektstunden, die nicht so genau unter die Lupe genommen werden. Das sind alles Faktoren die insgesamt die Arbeitsbedingungen ergeben.

Die Gehälter in der IT – es ist unfair und geht weit auseinander – wir sollten uns alle einen Tag pro Woche frei nehmen

Tatsächlich ist viel Geld im Markt vorhanden. Leider entspricht das Wachstum der Gehälter nicht dem des digitalen Marktes. Auffällig ist auch, dass Programmierer überhaupt keine Gewinnbeteiligungen und Prämien bekommen und sich immer wieder andere mit ihrer Arbeit echte goldene Nasen verdienen. Vergleicht man hier den Lebensstil zwischen Management und den ausführenden Mitarbeitern wundert man sich nicht, warum hier nach einer fairen Verteilung gesucht wird. Dabei können Gehälter nur weit auseinander liegen, wenn sie nicht transparent sind. Mein letztes Vollzeit-Gehalt als PHP-Programmierer lag bei 65k Euro im Jahr und aktuell bekomme ich 80,- Euro / Stunde als PHP-Freelancer. Die Vermittlung eines Senior PHP-Entwicklers im Bereich E-Commerce bringt zur Zeit 30k Euro für den Personalvermittler. Mein Gehalt ist u.a. so hoch, weil ich häufig gewechselt bin und hier immer etwas aufgeschlagen habe. Die gute Ausgangsbasis kam damals durch einen Personalvermittler. Oft war ich in Teams, in denen andere Entwickler von gleichem Niveau sehr viel weniger Geld bekommen haben. Teilweise 1.000 Euro pro Monat. Da wir am Ende alle die gleiche Arbeit gemacht haben, ist das doch schon echt unfair. Sehe ich mir Gehaltsvorschläge auf XING und auch in Vergleichsportalen an, so hatte ich sogar ein Spitzengehalt. Das bedeutet, dass unsere Gehälter nicht besonders gestiegen sind. Wie wäre es also, wenn wir auf eine 4-Tage-Teilzeit zum gleichen Gehalt runter gehen. Eine Vision dazu gibt es im nächsten Abschnitt.

4-Tage-Woche voraus – Für den Nachwuchs, bessere Arbeitsbedingungen und gegen den Montag

Open Source Projekte bringen uns weiter
Open Source Projekte bringen uns weiter

Der Schlüssel zu meinem neuen und glücklichen Leben lag auf der Reduzierung auf eine 4-Tage-Woche. Nach der Pause im Anschluss an meinem Nervenzusammenbruch habe ich einen Tag in der Woche nicht mehr gearbeitet. Hier habe ich mich auch ganz bewusst für den Montag entschieden. Freitags hat ja jeder gefühlt frei und ich, was einkaufen und Freizeitmöglichkeiten angeht, gar keinen nennenswerten Vorteil. Außerdem mag ich den Montag nicht. Damals war es ein gewagter Schritt – musste ich doch auf 20% meines Einkommens verzichten. Es war aber auch der Anfang von Never Code Alone. Nach der Idee eines 4-Stunden-Startups habe ich mich an dem freien Tag um alle ersten Schritte gekümmert. Webdesign, Content, Social Media, Blog und viele andere kleine Dinge. In einem Vollzeit-Job fehlt einem, gerade nach einem Arbeitsweg, die nötige Energie für so etwas. Nach etwas über einem halben Jahr bot mir eine andere Agentur dann das gleiche Gehalt für nur 3 Tage in der Woche mit einem Tag Homeoffice an. Und das war für mich eine ganz tolle Sache. Insgesamt fordert das natürlich auch Unternehmen dazu heraus, sich mehr um den Nachwuchs zu kümmern und diesen auch auf Augenhöhe in die Arbeit zu integrieren. Denn hier wird auch nicht genug getan. Azubis müssen ja auch nicht immer nur 18 oder 20 Jahre alt sein. Ich habe viele gute Leute kennengelernt, die alle erst Ü30 mit der Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung angefangen haben. Das ist doch wirklich eine gute Sache.

Lustige Videos mit ernstem – Arbeitsschutz in der IT – Der Nerd

Den Durchbruch schafft „Der Nerd“ 2017 mit einer Parodie auf den bekannten Analphabeten-Spot mit dem cholerischen Chef, der seit Jahren nicht wusste, dass sein Mitarbeiter nicht Lesen kann. In unserer Version, die mit einem professionellen Schauspieler gedreht wurde, kann der Senior Entwickler keine Tests ausführen und deployed deshalb einen 500er Fehler ins Live-System. Damals war es das erste Mal, dass mit einem professionellen Team mit Regisseur und Schauspieler zusammen gedreht wurde. Die Zielgruppe lag dabei klar auf den Programmieren und der Spot hatte auch das Ziel die PHP-Schulungen der Entwicklungshilfe NRW an den Mann zu bringen. Aber auch in dem Spot wird schon das Thema und die Problematik der Senior-Titel und des mangelnden Know-Hows für Softwarequalität angeschnitten. Das zweite und bisher erfolgreichste Video mit dem Nerd ist nicht lustig und hat den harten Alltag eines Entwicklers im Fokus. Der wird gefeuert, weil seine eigenen Ansprüche an die Softwarequalität zu hoch sind. Hier wird auf das Employer-Branding von Never Code Alone hingewiesen bei dem gute Arbeitnehmer gute Arbeitgeber sehr erfolgreich zusammengebracht werden. Verantwortlich für das Video ist der Düsseldorfer Videokünstler Andreas Wundersee. Das Video zeigt meine persönliche Geschichte, denn am Ende wurde ich für Tests, die Bugs gefunden haben tatsächlich gefeuert. Dieses Jahr gab es dann wieder Kontakt zu dem Video-Team von Special Content Operations aufgenommen. Aus 15 Vorschlägen haben sich 3 Videos ergeben. „Der Nerd im Sprint Review“, „Für den Kunden fahren wir auch ohne Gurt“ und die „Baustelle mit den Arbeitsbedingungen“ ist eine dreiteilige Serie mit der wir versuchen, unsere schweren Inhalte locker über YouTube in kurzen Spots zu transportieren.

Tutorials und Top Posts

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code.talks 2019 Developer ein Job der rockt – Talk Review 18. November 2019 - 13:11

[…] und Lösungen sehen. Denn leider dürfen sich Programmierer nicht immer frei entfalten und ihre Arbeitsbedingungen werden nicht von einer technologischen Beurteilung bestimmt. Zu oft darf sich der Kunde viel zu viel aussuchen. Also dürfen sie immer nur von den Trauben auf […]

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