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Schafft den Senior Webdeveloper ab!

Schafft den Senior ab

Schafft den Senior Webdeveloper ab!

Die strenge Hierarchie in der IT blockiert junge und aufstrebende Talente. Falsche Entscheidungen werden mit der Anzahl an Berufsjahren gerechtfertigt und die schlechte Stimmung in den Teams zusätzlich mit Neid und Ungerechtigkeit befeuert. Lasst uns doch anfangen, als Teams mit vollwertigen Mitgliedern zu arbeiten. Der Senior-Webdeveloper ist veraltet und überholt.

Skills sind besser als Berufsjahre

In der IT gibt es leider eine recht strenge Hierarchie. Vor allem ist der Senior-Titel hier immer noch eine ganz feste Größe, an der alles gemessen wird und sich orientiert. Das führt gerade in Entwicklungsteams ständig zu großen Problemen, die auch schnell zu Krisen führen können. Mit diesem Artikel appelliere ich für ein Umdenken, denn Kompetenz entsteht nicht durch Berufsjahre.

Senior als Gehaltsvorteil

In den heutigen Stellenausschreibungen findet man es zwar nicht mehr so häufig, und doch wird immer wieder nach Senior-Entwicklern gesucht. Die Ansprüche sind meist extrem hoch. Eine große und breit gefächerte Erfahrung in allen Bereichen der Software-Entwicklung bildet hier nur das Grundgerüst. Dazu kommen hervorragende analytische Fähigkeiten bei einer selbstständigen Arbeitsweise. Selbstverständlich bei hoher Projektverantwortung und Motivation sowie einem ausgeprägten Qualitätsbewusstsein. Aber genau das ist doch ein Anforderungsprofil für jeden guten Webdeveloper. Was genau macht hierbei denn den Unterschied aus?

Senior ist eine Alterserscheinung

Es gilt oftmals das Peter-Prinzip: Wenn ein Mitarbeiter lange genug da ist, wird er automatisch und ohne sich dagegen wehren zu können befördert. Aber ab wann wird man denn zu einem Senior Webdeveloper? Es gibt viele unterschiedliche Typen von Webdevelopern. Völlig unterschiedliche Voraussetzungen in der Ausbildung sind in diesem Beruf ja immer noch an der Tagesordnung. Geprägt von Quereinsteigern und Autodidakten, ist gerade die erfahrene Generation der Webdeveloper auf einem extrem unterschiedlichen Wissens- und Kenntnisstand. Viele sind von Anfang an dabei und haben bisher nur an ihren eigenen wenigen Projekten oder sogar nur an einem einzigen Projekt gearbeitet. Von der Welt außerhalb ihres eigenen Kosmos wissen so gut wie nichts. Aber alle sind sie Senior Entwickler – nur was sagt das jetzt genau aus?

Senior als Kompetenz

Kompetenz und Erfahrung zeichnen einen guten Senior Webdeveloper aus. Diese beiden Eigenschaften erwirbt man allerdings weniger durch Berufsjahre. Gerade Kompetenz bekommt man in einem technischen Berufsfeld nur über Fleiß und den ständigen Blick über den Tellerrand. Nicht abarbeiten, sondern besser werden, lautet hier die Devise. Das erfordert ein hohes Maß an persönlicher Weiterbildung, die man vor allem in seiner Freizeit absolviert. Im Tagesgeschäft dagegen ist der Blick nach links und rechts eher hinderlich und wird auch nur selten gerne gesehen. Da muss es einfach laufen. Schnell und egal wie. In dieser Mühle fehlt die Zeit für Innovation und Nachhaltigkeit. Viele Entwickler verlieren hier allerdings den Biss, den man für die kontinuierliche Weiterentwicklung braucht. Ob das nun mangelnde Motivation oder private Verpflichtungen sind, mag mal dahingestellt sein. Senior Webdeveloper sind nicht gleich, und es gibt keinen Standard. Von daher ist es lediglich ein Titel, der besagt, dass man schon länger arbeitet. Blind darauf zu setzen, ist sehr gefährlich.

Senior als Entscheider

Senior Webdeveloper sind in der Regel auch technische Entscheider, die das meist alleine und eigenmächtig tun können. Im Laufe der Jahre, die ich nun schon als Consultant tätig bin (und natürlich selbst auch als Senior Webdeveloper), habe ich zahlreiche Begegnungen mit Senior Webdevelopern gehabt. Guten Senior Webdevelopern läuft man dabei leider seltener über den Weg. Denn die haben nicht die Probleme, wegen derer ich für gewöhnlich gerufen werde – etwa mangelhafte Software-Qualität und Legacy Code. Ja, vielen fehlt es sogar an kompetenten Fingerfertigkeiten. Heißt: Sie können nicht einmal ihre Tools fließend und effektiv bedienen. Und trotzdem sind sie völlig zu Recht mit dem Titel ausgestattet. Warum sollte ihr Wort aber mehr Gewicht bei einer technischen Entscheidung haben als das eines jungen Webdevelopers, der aber vielleicht viel besser im Thema ist?

Senior in der Verantwortung

Die hohen Ansprüche und die daraus resultierende Erwartungshaltung immer so zu erfüllen, wie es erwartet wird, ist eine ganz heikle Situation. „Das soll jetzt laufen, und dafür zahlen wir ja auch gutes Geld“, so die klare Richtungsvorgabe vom Management. Doch alleine die bloße Anwesenheit, guter Wille und großer Einsatz bewirken in Legacy-Code-Applikationen keine Wunder. Denn was viele über Jahre „angerichtet“ wurde, kann keiner in wenigen Wochen im Alleingang ausbügeln. Durch fehlendes Verständnis entsteht hier sehr hoher Druck. Alles über 60k Euro im Jahr ist Schmerzensgeld, so ist der Leitsatz in der Branche. Also wird alle Verantwortung auf einige wenige Schultern gelegt, und die dürfen dann alles von der Entwicklung bis zum Deployment machen. Das macht auf Dauer nicht wirklich glücklich.

Senior in der Innovation

Neuerungen und Veränderungen brauchen Zeit, Geduld und viel Durchhaltevermögen. Was aber passiert, wenn genau diese neuen Innovationen von jungen Mitarbeitern kommen? Dann ist in dem Hierarchie-Verhältnis auf einmal was gestört. Der „Alte“ muss sich bei dem „Jungen“ melden und fragen, wie etwas geht. Und im weiteren Arbeitsverlauf vielleicht sogar fragen, ob es so richtig ist. Das kann längst nicht jeder. Stolz und Angst sind eine schlechte Mischung, vor allem wenn man schon genug andere Probleme hat. Und es ist auch immer ein Stück Selbsterkenntnis nötig, dass auch der eigene Code mit der Zeit veraltet. Was aber, wenn er auch schlecht ist? Natürlich wurde das alles mit heißer Nadel unter großem Zeitdruck gestrickt. Deshalb wird leider häufig im Sinne der Geschäftsleitung gehandelt. „Bis jetzt ist alles gut gegangen, und wir haben seit Jahren eine zuverlässige Applikation“. Diese Meinung wird intern von Senior vertreten. Es ist das, was die Geschäftsleitung hören möchte. Und das geht noch weiter: „Änderungen sind nicht gut für unseren routinierten Ablauf, wir brauchen dieses ganze Neue nicht. Das ist ja auch alles gar nicht erprobt und viel zu teuer.“ Also werden Neuerungen abgelehnt. Darf so etwas passieren?

Senior bei Neuanstellung – die Ankündigung macht es

Senior Webdeveloper werden aus verschiedenen Gründen eingestellt, und oft spielen auch die fehlenden Impulse im eigenen Team eine Rolle dabei. Damit die Einstellung dann gut über die Bühne geht und der neue Kollege „gut im Team ankommt“, ist es wichtig, ihn in Absprache mit allen Beteiligten anzukündigen. Zumal es meist leichter ist, sich selbst vorzustellen, als – wie in diesem Fall – vorgestellt zu werden. Es bringt aber nichts, einen Messias anzukündigen. Denn am Ende ist ein Senior nur ein Kollege mit mehr Berufs- und Projekterfahrung. Von ihm wird erwartet, dass er zuverlässig arbeitet und sein Wissen im Team teilt. Leider wird das häufig falsch kommuniziert, und im schlimmsten Fall wird ein langjähriger Mitarbeiter im Rennen um die begehrte Stelle ausgestochen. Insofern ist es mehr als kritisch, gleich zu Anfang allzu hohe Erwartungen zu wecken. Hierbei können alle eher verlieren als gewinnen. Jeder sollte sich also fragen, wie er selbst in einem neuen Team angekündigt und eingeführt werden möchte.

Die Titel-Lüge

Vor einiger Zeit wurde ich bei einer Firma als Senior Consultant eingeführt. „Aus Abrechnungsgründen gegenüber dem Kunden“, wie es hieß. Dabei war ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch kein Berater und hatte damals auch noch nicht vor, jemals einer zu werden. Bei einer anderen Firma ging einer der Geschäftspartner und machte seine eigene Agentur auf – gefolgt von einigen Mitarbeitern. Alle hatten in ihren neuen Xing-Profilen dann plötzlich Senior-Titel, und es wurde sogar ein Junior Webdeveloper direkt zum Senior erhoben. Also, meinen Senior-Titel habe ich mir damals mit klaren Zielen erarbeitet. Er ist auch in einem Arbeitszeugnis vermerkt. Aber wer liest schon noch Arbeitszeugnisse, wenn man froh um jede Bewerbung ist? Mit dem Titel wird jedenfalls viel falsch gemacht, und das Ganze ist alles in allem sehr unfair und nicht transparent. Sollten wir den Titel da nicht vielleicht ganz abschaffen?

Fazit – Schafft den Titel ab!

Mit 38 Jahren und fast 15 Jahren Berufserfahrung habe ich mich mit dem Titel abgefunden. Vorher kam ich mir immer so alt vor. Der Bezug zu Senioren im eigentlichen Sinne wollte mir nicht aus dem Kopf. „Unser Senior nimmt auch an dem Gespräch teil.“ Aha, der feine Herr lässt sich also herab zu einem Meeting mit ganz normalen Menschen …? Dabei kann man als guter Entwickler jede technische Frage immer mit „Ja“ beantworten. Denn wenn man gut ist, findet man auch immer eine passende Lösung, und eben das erwartet man doch von einem Senior ;).  In meinen Augen müssen sich Entwickler aber mehr einbringen. Also auch mal „Nein“ sagen und nicht einfach stumpf alles machen, was gefordert ist.

Im Grunde genommen ist der Titel genauso ein Relikt aus der guten alten Zeit wie mein erster Jobtitel – Webmaster. Eine One Man Army als vollständige Internet-Abteilung eines ganzen Unternehmens. Das hatte noch was. Mit Jobtiteln wird sehr viel Quatsch gemacht. Am Ende bleibt es dabei, dass wir vor allem ein großes Software-Qualitätsproblem haben. Da brauchen wir keine Head-of-Senior-Gurus, sondern echte Helden, die anpacken. Die Titel sind hier keine große Hilfe. Wenn es nach mir geht, können sie weg.

Roland Golla

Initiator von Never Code Alone, Geschäftsinhaber Rogoit, Blogger, Autor, Speaker, Dozent und Senior Webdeveloper rolandgolla.de

1 Comment
  • Franziska
    Antworten
    Posted at 11:59 am, August 25, 2017

    Es ist eben immer leichter für den Vorgesetzten, jemanden mit einer „Beförderung“ (neuer Titel) als „Karrierechance“ zu locken als sich selbst hinzusetzen und zu analysieren, was diesen einen spezifischen Mitarbeiter wirklich weiter bringen würde und dann damit zu werben.

    Innerhalb eines Teams merkt man auch ohne Titel schnell, wie Hard- und (viel wichtiger) Softskills ausgeprägt sind. Da ist dann der Titel auch gerne mal einfach nur ein Hinweis auf die Gehaltsklasse.

    Dass Firmen ihren Kunden „Meisterstunden“ für vom Azubi geleistete Arbeit abrechnen ist nichts Neues und auch keine Erfindung aus der IT-Welt 🙂

    Letztendlich gibt es in der IT aber so viele verschiedene Ausbildungen und Studien, dass „Senior“ und „Junior“ auch wieder einiges vereinfacht, wenn man sein Gegenüber einschätzen möchte (muss ich jetzt noch xy genauer erklären?).

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