5 Fragen zum Thema seelische Gesundheit an einen Programmierer

Von Roland Golla
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Seelische Gesundheit Programmierer

Gesundheit am Arbeitsplatz ist ein aktuelles Thema. In unserer aktuellen „5 Fragen an“ Reihe geht es um Arbeitsschutz in der IT und seelische Gesundheit. Wir haben aktuell eine digitale Revolution, die vorhandene Ressourcen stark an ihre Grenzen bringt. Wir reden mit Betroffenen, Experten zu den Themen und Insidern aus der Szene. Diesmal fragen wir Roland Golla, der als PHP-Trainer und Consultant viele Projekte, Agenturen und Firmen kennt. Mit Never Code Alone möchte er die Softwarequalität in Deutschland steigern und setzt sich nach einem Nervenzusammenbruch für das Thema „Arbeitsschutz in der IT“ ein.

Was machst Du konkret nach Deinem Nervenzusammenbruch anders?

Ich habe mich ja nach einer sehr strikten offline Erholungsphase in Therapie begeben und mich schon an dem Tag für professionelle Hilfe entschieden. Es war mir schnell klar, dass das ausserhalb meines Horizonts liegt und ich professionelle Hilfe brauche. Damals hatte ich halt auch meine Arbeit auf 4 Tage in der Woche reduziert. Ich habe den damaligen Arbeitgeber ja sofort gekündigt, also am nächsten Tag und bin da nie wieder hingegangen. Ich versuche Achtsamkeit in meinen Alltag zu bringen und immer mehr feste Offline-Zeiten in mein Leben zu bringen. Ich nehme öfter mein Handy nicht mit. Wenn ich meine Kinder wegbringe, oder auch oft wenn ich mit ihnen auf dem Spielplatz bin. Mein Handy ist auch immer schon lautlos, aber ich lasse auch das ganze Internet öfter in meinem Arbeitszimmer liegen, wenn ich Playstation spiele oder sowas. Dinge, die mich unter Druck setzen und Menschen, die mich ärgern, lehne ich auch immer öfter auch mit möglichen Verlusten ab. Es geht einfach auch immer eine neue Türe auf. Geduld ändert mein Leben.

In der Retrospektive betrachtet, gab es Warnzeichen, die den Nervenzusammenbruch angekündigt haben? Wenn ja, wie sahen die aus?

Existenzängste sind eine dunkle und mächtige Kraft in meinem Leben. Ich kenne keine Ruhe. Vom Elternhaus wurde mir immer vermittelt, dass ich ohne Schulabschluß und große Sportkarriere nicht viel wert bin. Oder zumindest habe ich das so für mich interpretiert. In Wahrheit haben meine Eltern mir viel Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt. Ich kann nicht genau sagen, wie das alles mit mir zusammenhängt, aber irgendwie ist die Ursache des Zusammenbruchs eine innere Hetze, die nicht der realen Wahrnehmung entspricht. Als Ergebnis habe ich mich halt seelisch aufgerieben und keine innere Ruhe gefunden. Und so fing ich halt an eine IT-Karriere zu starten, in der ich immer mehr nach oben wollte. Nach “Oben Fallen”. Das hat auch wirklich gut geklappt. Die Folge war aber ein Leben auf Probezeit. Und das hat mich glaube ich ausgehöhlt. Anzeichen sind glaube ich nichts, was man irgendwie ernst nimmt. Müdigkeit, Antriebslosigkeit vielleicht auch eine gewisse innere Leere. Aber nichts, wo ich sagen kann Gedanken-Karussells, Panik, Angstzustände, Suizid-Verständnis. Das kam alles erst danach und geht leider auch nicht wieder weg.

Wie lange hat es gedauert bis es Dir wieder gut ging?

Arbeitsschutz in der IT - Schade das ihr nicht blutet
Arbeitsschutz in der IT – Schade das ihr nicht blutet

Da ich diesen fürchterlichen Job hingeschmissen hatte und mir vorgenommen hatte für 6 Wochen nichts im Bezug auf irgendeine neue Beschäftigung zu unternehmen, ging es mir schnell körperlich wieder gut. Die Verarbeitung und die Schäden dauern aber bis Heute an und ich denke, sie werden mich auch leider ein Leben lang begleiten. Es gibt natürlich längere gute Phasen und Freuden: Freudige Ereignisse, die Geburt der zweiten Tochter, die tolle Entwicklung von Never Code Alone und sicher vieles mehr. Aber was da passiert ist und diese Heftigkeit habe ich lange nicht verstanden und ich tue das auch immer noch nicht. Und die Downs sind halt immer wieder in unterschiedlicher Stärke da und das auch mehrmals in der Woche. Und das macht keinen Spaß und kostet halt auch immer viel Zeit, die ich eigentlich wirklich lieber für alles andere nutzen würde. Ich kann die Frage so gesehen nicht direkt beantworten. Ich fühle mich seitdem halt als Patient. Das ist nicht gut. Aber es hat jetzt auch nicht lange gedauert mich aus der absoluten Scheiße rauszuziehen. Achtsamkeit bringt mir gute Momente in den Tag. Aber die Frage ist mir vielleicht auch etwas zu philosophisch.

Was sind aus Deiner Sicht die drei wichtigsten Dinge in der Arbeitswelt der Programmierer/innen, die auf Seite der Arbeitgeber geändert werden sollte?

Ich glaube es geht hier auch viel um Respekt. In der IT werden immer noch Stunden gehandelt. Dabei werden immer wieder die zeitlichen Aufwände möglichst nach unten verhandelt. Es geht ja am Ende irgendwo um einen Preis. Ich glaube es ist einfach völlig falsch zu denken, dass IT-Projekte irgendwann einmal fertig werden. Sie entwickeln sich ja immer weiter mit Anforderungen mit. Es werden aber immer wieder absolute Prototypen als professionelle Ergebnisse verkauft. Der Schaden liegt später beim Kunden, aber dem wird auch immer wieder nachgesagt, er hätte das in diesem Zustand für diesen Preis wollte. Also als erstes Problem sehe ich auf jeden Fall Festpreise. Es sollten lieber echte Stunden verkauft werden und die tatsächlichen Aufwände auch einmal erfasst werden. Das ist in dem Zusammenhang ein zweiter Punkt. Viele Stunden werden geleistet und nicht erfasst. Das könne man niemanden in Rechnung stellen. Bugfixing, die Einrichtung der lokalen Entwicklungsumgebung, Testing und die Wartung von Code. Und als zweiter wichtiger Punkt ist es auch wichtig die eigenen Leute und deren Meinung ernst zu nehmen. Viele Entwickler wollen Projekte neu schreiben oder mit großen und begründeten zeitlichen Aufwänden verbessern und zukunftsfähig machen. Das wird immer als utopisch abgetan und abgewiegelt. Die technische Meinung wird sehr oft nicht ernst genommen oder sogar verharmlost. Das ist eine schwierige und aussichtslose Situation, in der so auch keiner glücklich werden kann. Und das dritte Thema ist auf jeden Fall Weiterbildung und Know-How-Transfer. Wir brauchen neues Wissen und die Chance damit zu arbeiten. Hier reicht es nicht einmal im Jahr zu einer Schulung zu gehen, oder eine Konferenz zu besuchen. Wir brauchen fundiertes Wissen, damit wir weiter kommen. In dem Zusammenhang stehen auch Dinge wie Pair-Programming, Code Reviews und ganz allgemeiner Erfahrungsaustausch. Wir können nicht immer nur auf dem Stand von ergoogelten Halbwissen arbeiten.

Seelische Gesundheit für Programmierer
Seelische Gesundheit für Programmierer

Kannst Du drei Dinge nennen, die die Programmierer/innen anderes machen sollten, um psychisch gesund zu bleiben?

Als Erstes halte ich es für sehr wichtig, konzentriert und unterbrechungsfrei arbeiten zu können. Unterbrechungen und Ablenkungen kosten wirklich sehr viel Zeit und Energie, da man sich immer wieder ein einen geistigen Zustand für das Programmieren versetzen muss. Man kann das einfach nicht nebenher machen. Ich kann mit Kopfhörern und Musik nahezu überall diesen Zustand erreichen. Andere können das aber nicht. Sie wollen nicht den ganzen Tag Kopfhörer aufhaben und Musik hören. Sie nehmen sogar Bewegungen auf dem Flur durch die Glasscheiben wahr. Das sollte man als Programmierer auf jeden Fall erkennen und auch eine Lösung finden. Als Zweites ist sicherlich das Thema “Offline” sehr wichtig. Feste Freizeit-Termine, ohne Handy und alles andere. Dem Kopf eine Erholung gönnen und alles auch nochmal überdenken zu können. Das ist ein wichtiger kreativer Prozess. Man kann auch nicht stundenlang Denkarbeit leisten. Ich glaube, dass hat auch etwas präventives. Als Drittes muss man einfach mal lernen “Nein” zu sagen. Man muss nicht immer alles am besten ASAP und am selben Tag fertig machen. Genauso muss man auch nicht immer alles irgendwie ermöglichen, bloß weil man irgendwelche Umwege und Tricks kennt. Wir dürfen bei Kompromissen einfach nicht immer verlieren. “Der Kunde will das so”, “Das wurde von ganz oben so entschieden” und “Jetzt muss das erstmal so gemacht werden”. Das ist falsch und stimmt einfach nicht. Wir dürfen nicht denken, dass Arbeit fertig wird, bloß weil wir einen Task erledigt haben. Wir müssen unsere Arbeitsbedingungen schon selber einfordern. Nicht wir müssen immer dankbar dafür sein, irgendwo arbeiten zu dürfen. Es ist heute genau anders rum. Die anderen sollen froh und dankbar sein, dass wir für sie arbeiten.

5 Fragen an…mach mit!!

Wir wollen mit dieser Reihe aufklären und das Thema „Arbeitsschutz in der IT“ weiter bringen. Dafür kann gerne jeder aus dem Umfeld 5 Fragen bei uns beantworten und seine Meinung öffentlich machen. Wir wollen hier Stimmen von Betroffenen, Verantwortlichen, Arbeitgebern, Teamleitern, Projekt-Managern, Therapeuten, Experten und allen anderen, die ihren Beitrag leisten möchten. Nehmt dafür einfach Kontakt mit uns auf.

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