Software Craftmanship bringt uns weiter – Roland Golla auf der Froscon ‘14

Von Roland Golla
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Software Craftmanship Roland Golla Froscon

Web Developer brauchen mehr Software Craftmanship. Auf der Froscon ‘14 hat die Neuauflage meines bekannten „Softwarequalität === Gesundheit“ Talks viele Entwickler erreicht und abgeholt. Dabei liegt der Fokus in dem Talk vor allem auf möglichen Auswegen und dem Gedanken sich als Community zu vergrößern und gemeinsam stark zu sein. Dafür stärkt der neue Talk das Selbstbewusstsein von guten Entwicklern, die auf Konferenzen gehen und sich privat weiterbilden. Aber ein viel wichtigeres Thema ist es allerdings die Entwickler zu erreichen, die das nicht tun.

Es geht um Verantwortung für uns, unsere Familien, unser Leben, unsere Arbeitgeber, unsere Kollegen und den IT-Standort Deutschland – No fate – Kein Schicksal

Software Craftmanship Roland Golla Froscon 14

Wir haben unser Schicksal und auch unsere Arbeitsbedingungen selbst in der Hand. Wir können uns in der aktuellen Situation unsere Arbeit aussuchen und müssen nicht mehr um Beschäftigung und Referenzen bitten. Jeden Tag kommen neue potentielle Startups und Kunden auf den Markt. Wir dürfen uns nicht mehr als kleine Nerds rumschubsen lassen, sondern müssen alle mal den Rücken gerade machen und zusammenhalten. Der Druck und die ganze Verantwortung lauf- und marktfähige Software zu produzieren, ist extrem hoch und die Ressourcen für die Programmierung bei immer komplexeren Anwendungen ist am Limit. Hier dürfen wir keinen gesundheitlichen Schaden davon tragen, damit irgendwelche Internetseiten fertig werden und laufen. Die folgen für Betroffene sind extrem. Von Nervenzusammenbrüchen bis Burnout werden mitunter ganze Existenzen, Familien und Leben zerstört. Das haben wir nicht nötig. Gute Entwickler brauchen gute Arbeitgeber. Dafür habe ich Never Code Alone gegründet und kämpfe jeden Tag für bessere Arbeitsbedingungen und versuche im nächsten Jahr auch selber Arbeitgeber zu werden.

Alter Talk neues Ziel – Wir müssen den IT Standort in Deutschland selber verändern und erwachsen werden

Unsere Software steht ganz hinten an. Legacy-Projekte ohne automatisierte Tests und agile Methoden bestimmen den gesamten Markt. An die Kunden werden immer noch Dienstleistungsstunden verkauft. Das Interesse vieler Arbeitgeber ist es also nicht gute und kleine Software-Lösungen zu erstellen. Es gibt kein Interesse an nachhaltiger Entwicklung. Das hat weitreichende Folgen und der stark wachsende internationale Markt des Nearshoring und Offshoring profitiert von unserer Handlungsunfähigkeit. Wir verlieren also den Anschluß. Wir haben in Europa kein Social-Media-Portal ausser Xing. Wir bestellen bei Amazon statt bei Otto. Wir verbringen mehr Zeit auf ausländischen Streaming-Plattformen, als selber eine zu bauen. Wir müssen uns selber Open-Source-Projekte schaffen Know-How nach vorne bringen und Wissen teilen. Dazu müssen wir auch unser nerdiges Image ablehnen und viel mehr Zeit in Meetings, Kommunikation und den direkten kontakt mit Kunden und Usern investieren. Wir dürfen nicht selber “too busy too improve” sein.

Wissen teilen bringt besseres Wissen und uns alle weiter – Software Craftmanship macht gute Entwickler stark

Wissen teilen bringt besseres Wissen und uns alle weiter – Software Craftmanship macht gute Entwickler stark
Wissen teilen bringt besseres Wissen und uns alle weiter – Software Craftmanship macht gute Entwickler stark

Wayne Gretzky hat es auf den Punkt gebracht: “I skate to where the puck is going to be, not where it has been.“ Als Programmierer lernt man täglich neue Dinge und löst Probleme, die andere Entwickler natürlich auch haben. Dieses Wissen kann man grundsätzlich als Erfahrung betrachten. Es ist allerdings sehr unwahrscheinlich, dass man hier im ersten Wurf einen sehr guten Weg gefunden hat. Daher ist es sehr wichtig sich als Entwickler von anderen Entwicklern Feedback zu holen. Denn das bringt beide Seiten weiter. Gerade aktuelles Know-How zu wichtigen Themen, wie Updates und neuen Features ist dabei sehr gut und wichtig. Software Craftsmanship ist eine Bewegung, die genau das als Ziel hat. Aktiv Wissen geben und aktiv Wissen holen. Sich über Herausforderungen austauschen und gegenseitig weiterbringen. Das ist nicht schwer hier einen Anfang zu finden. Es gibt viele Meetups und Usergroups, auf denen man Anschluss findet und Programmieren Feedback zu Lösungen geben kann. Hier kann man auch selber seine aktuellen Probleme ansprechen und nach echten Know-How für die Situation fragen. Viele Entwickler, so auch wir, veröffentlichen ihre Projekte auf Github. Aktuell gibt es hier z.B. das Basesulu Projekt mit dem Fullstack-Symfony-CMS Sulu. Einfach mal auschecken, installieren und Feedback geben. Wir machen auch bald ein Meetup dazu.

Entwickler müssen sich mehr einbringen – in der Politik, bei Kunden und für ihre Arbeitsbedingungen

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Wir, die Entwickler, sind die Experten. Unsere Meinung ist wichtig und muss gehört werden. Dafür müssen wir uns allerdings aktiv einbringen. Denn am Ende müssen wir Softwarequalität und nachhaltige Arbeitsbedingungen auch verkaufen und vor allem im ersten Schritt einmal definieren. Das aktuelle Bild von der IT ist doch, dass es wirklich gute Software und Projekte gibt und wir nur gerne noch mehr davon machen würden. Aber gerade im Web, hier habe ich einen sehr guten Einblick in sehr viele Projekte durch mein PHP-Freelancing, gibt es große Probleme. Es fehlt an aktuellem Know-How für Frameworks und andere Open-Source-Komponenten. Projekte stehen auf alten Softwareversionen und die können und sollen nicht aktualisiert werden. Bestehende Projekte werden seit Jahren ohne Testing, Refactoring und Reviews produziert und sind deshalb ein großer Haufen Legacy Code. Legacy Code macht krank, weil es zu hart ist mit dieser Software zuverlässig zu arbeiten. Und diese Dinge müssen wir mal ansprechen und ändern. Das schaffen wir allerdings nicht alleine. So lange aber andere unsere Arbeit als professionell verkaufen und niemand auf unsere Warnungen und Sorgen hört, wird sich dieser schlimme Zustand nicht ändern. “Deutschland – ein Webentwicklungs-Entwicklungsland?” war bereits meine Frage vor 3 Jahren auf entwickler.de. Lasst uns gute Arbeitsbedingungen definieren und in einer breiteren Masse fordern.

Weiterbildung in der Freizeit muss belohnt und anerkannt werden – Dienstjahre dürfen in der IT keine Qualifikation sein

„Schafft den ‘Senior’-Titel ab“ ist ein klares Statement von mir. Ich kenne viele PHP-Entwickler, die wie ich aus der ersten Generation von vor 20 Jahren kommen. Sie haben allerdings noch nie einen Unit-Test geschrieben oder ihre Projekte bisher auf aktuelle Technologien migriert. Hier mangelt es oft einfach an Know-How und dem Willen neues zu lernen. Hier kann man sich auch nicht immer hinter dem Tagesgeschäft verstecken. Gute Entwickler arbeiten mit Leidenschaft an ihren Projekten und haben den stetigen Anspruch besser zu werden. Technologisch hat sich das Internet natürlich auch mehrfach neu entwickelt. Mächtige Frameworks wie Symfony, starke FrontendWeb-Development-Tools wie Webpack und natürlich auch aktuelle Versionen bekannter Content-Management-Systeme wie TYPO3 sind absolut moderne Systeme, die eine professionelle und schnelle Entwicklung möglich machen. Aber hier ist sehr viel Know-How gefragt und man muss sich auch regelmäßig über Änderungen und Konzepte informieren. Das macht man am besten mit anderen Entwicklern. Es gibt zahlreiche und regelmäßige sehr gute Meetups und Usergroups, die regelmäßig in vielen Städten stattfinden. Die sind professionell organisiert, haben wirklich gute Speaker und zeigen aktuelle Best-Practice-Lösungen. Das ist eine effektive Art neues Wissen auf Augenhöhe zu bekommen. Dazu gibt es eine sehr gute Möglichkeit zum Networking und über den eigenen Tellerrand zu schauen. Entwickler, die solche Veranstaltungen in ihrer Freizeit besuchen, sollten von Arbeitgebern gefördert werden. Hier kann man bei der Anreise mit Zug-Tickets oder Dienstwagen helfen. Und es wäre auch wichtig das Wissen danach in das Team zu bringen und Austausch der Entwickler intern zu ermöglichen. Natürlich sollte das auch finanziell anerkannt werden. Eventuell mit einem Bonussystem oder der Möglichkeit die Zeit als „Fortbildung“ anerkannt zu bekommen. Auf unserem kommenden Event gibt es ab sofort eine hochwertige Smartwatch und andere tolle Preise zu gewinnen. Das ist vielleicht auch schon ein kleiner Anfang.

Transparente und viel bessere Gehälter – Programmierer verdienen in der Breite viel zu wenig

IT-Gehälter werden in der Presse regelmäßig gelobt. Dabei liegen die Gehälter von Programmierern sehr weit auseinander. Programmierer, die öfter den Job gewechselt haben, oder über einen Headhunter vermittelt wurden, verdienen viel mehr Geld, als Entwickler die das nicht getan haben. Am Ende machen aber alle doch eine sehr gleiche Arbeit im Rahmen ihrer Erfahrungen. Und wer besser arbeitet, das aktuellere Know-How hat oder professionell arbeitet wird ja in einer Welt in der alles einfach “fertig” werden muss gar nicht erfasst. Das ist sehr unfair und frustrierend. Dazu kommt das Entwickler kaum Zielvereinbarungen oder Bonussysteme nutzen. Es gibt keine Gewinn- oder Wachstums beteiligung. Viele Entwickler sind allerdings maßgeblich einer der wichtigsten Faktoren für Erfolge. Die fetten Gewinne, die auch immer in den Medien kursieren, gehen dabei an uns Entwicklern voll vorbei. Bedeutet für viele ein Leben am Dispo-Limit, wo sich andere Häuser und Wohnungen kaufen können. Das Betrifft leider auch die Stundenlöhne von Freelancern.

Fazit Talk Froscon14: Wir müssen viel öfter ‘Nein’ sagen gerade auch in der Festanstellung

“Wenn man im richtigen Moment auch “Nein” sagt, oder nicht „hier“ schreit, dann geht es mir gut” – das sind die Worte eines befreundeten TYPO3-Web-Developers. Immer wieder werden Projekte zu risikoreichen Bedingungen angenommen. Entweder wird das Budget, immer öfter aber auch die Zeit extrem knapp kalkuliert. Weil der Kunde das so will – wird hier immer wieder als Grund aufgeführt. Warum lassen wir uns von Kunden und Aufträgen so fernsteuern. Jeden Tag kommen neue und nette Startups raus, die gute Arbeit mehr und mehr schätzen. Mit denen man auch aktuelle Software entwickeln kann, die im Internet Geld verdient. Aber die bekommen nicht mal mehr Angebote geschrieben oder werden sogar abgewiesen. Stattdessen müssen wir oft schwierige Kunden darum bitten, ordentlich arbeiten zu dürfen. Aber warum kann uns überhaupt jemand Angst und Druck machen, damit wir Dinge tun auf die wir keine Lust haben? Wir bekommen doch sofort einen neuen Job, können uns mit staatlicher Förderung selbstständig machen und werden auch nicht sofort gefeuert, wenn wir mal “Nein” sagen. Wir haben auch ein Recht auf angenehme Arbeit, geregelte Freizeit und ein stressfreies und gesundes Leben. Keiner muss sich hier verheizen lassen. Nehmt euch lieber einen Tag in der Woche frei, für euch und für euer Leben.

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Review Symfony Live 2019 - Improvisations Talk ohne Bullet Points 31. Oktober 2019 - 1:54

[…] so inhaltlich viel direkter mit den Teilnehmern einer Konferenz zu sprechen. Im ersten Lauf auf der Froscon hatte ich noch Notizen zu den einzelnen Folien und war auch darauf bedacht einige wichtige Punkte […]

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