KI Burnout ist kein Buzzword. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Gerade läuft auf LinkedIn eine Diskussion darüber, dass Entwickler und Buchhalter ihre Jobs hinschmeißen. Nicht weil die KI sie entlassen hat, sondern weil sie mit dem Entscheidungsdruck nicht mehr klarkommen. Ich habe das gelesen und mich wiedererkannt. In meiner Geschichte von 2016 und in meinem Arbeitsalltag heute.
2016: Ich bin selbst schuld, dachte ich
Neuer Job als Teamleiter. Kein Team, keine Übergabe, keine Zugänge. Jeden Morgen wurden die Tagesziele höher geschraubt. Abends musste ich erklären, warum ich sie nicht erreicht hatte. Ich habe darüber ausführlich in Arbeitsschutz in der IT: Burnout voraus geschrieben.
Ich war wie gelähmt. Im Kopf lief nur noch eine Schleife:
- Ich schaffe meinen Job nicht mehr.
- Ich werde berufsunfähig.
- Meine Frau verlässt mich.
- Ich lande auf der Straße.
- Und ich bin selbst schuld.
Irgendwann hat mein Körper die Notbremse gezogen. So wie Arbeiter in Industrieanlagen, bei denen der Körper einfach nicht mehr mitmacht. Kurz danach bin ich zu Hause zusammengebrochen. Der Lärm im Kopf war so laut, dass ich zum ersten Mal verstanden habe, warum Menschen nicht mehr leben wollen. Am nächsten Morgen habe ich gekündigt. Dann kam die Therapie.
2018: Stopp, bevor es euch passiert
Zwei Jahre später stand ich auf der code.talks und habe genau das erzählt. Ich wollte Menschen helfen und ihnen sagen: Stopp, damit euch das nicht passiert. Ich wusste nicht, dass der Talk so emotional wird und so viele Menschen packt. Danach war ich plötzlich das Gesicht für Arbeitsschutz in der IT. Den ganzen Hintergrund findet ihr im Rückblick auf den Talk Softwarequalität === Gesundheit.
2026: KI reduziert Arbeit nicht, sie verdichtet sie
Die Harvard Business Review hat im Februar 2026 eine Studie von Aruna Ranganathan und Xingqi Maggie Ye veröffentlicht: AI Doesn’t Reduce Work, It Intensifies It. Acht Monate, rund 200 Beschäftigte in einem US Tech Unternehmen. Das Ergebnis: Mit KI arbeiten die Leute schneller, übernehmen mehr Aufgaben und dehnen ihre Arbeit auf mehr Stunden aus. Oft, ohne dass jemand das verlangt. Am Ende stehen ständige Aufmerksamkeitswechsel, das dauernde Prüfen von KI Ergebnissen und immer mehr offene Baustellen.
Das hatte ich nicht auf dem Radar. Aber ich erkenne mich darin wieder.
Ein Tag Agentic Coding: Du bettelst die KI an
Ich arbeite jeden Tag mit OpenCode und Agenten. Und ein voller Tag läuft nie so schnell und so gut, wie man es erwartet. Das Tagesziel wackelt. Der Druck steigt. Und du hast es nicht mal mehr selbst in der Hand. Du kannst nur noch die KI anbetteln, endlich fertig zu werden.
Das ist fast wortgleich mit 2016. Damals wurden die Ziele von außen hochgeschraubt, und mir fehlte die Kontrolle. Heute ist der Erwartungsdruck da, und die Kontrolle liegt beim Agenten.
Die KI schmeichelt dir, und das ist neu
Früher hat der Chef Druck gemacht. Heute sagt dir das Werkzeug selbst: Alles toll, gleich fertig. Oft stimmt das nicht. Wir werden permanent gelobt und vertröstet, und das ist als Mensch schwer zu begreifen. Wer der KI glaubt und dann vor kaputtem Code sitzt, sucht den Fehler schnell wieder bei sich selbst.
Und es hört nie auf. Du schaust dir das Ergebnis an, und es ist nie perfekt. Geht noch besser. Noch ein Lauf. Noch eine Idee. Das hat etwas von Sucht, weil es kein Ende findet. Meine Therapeutin und ich sind schon 2019 darauf gekommen, dass es bei Arbeitsschutz in der IT auch um Suchtprävention geht. Mit KI wird das aktueller als je zuvor.
Die Besten tragen den größten Druck
Wenn ich mit Entwicklern ehrlich rede, höre ich viel Frust. Die wenigen Begeisterten stecken viel Leidenschaft rein und haben außergewöhnlich gute, eigene Setups. Aber es gibt ein Muster:
Je besser ein Entwickler ist, desto weniger vertraut er der KI und desto mehr kontrolliert er.
Genau die Leute, die Fach und Architekturentscheidungen treffen können, treffen sie jetzt nach jedem Agentenlauf. Früher alle paar Tage, heute im Minutentakt. Wer dem ausweicht und den Agenten einfach laufen lässt, bekommt Code ohne Entscheidungen. Das kennt jeder, der schon mal in vibegecodeten Code geschaut hat.
Macht das Spaß? Das entscheidet die Führung
In der Diskussion hieß es: Ein Tag mit KI schlaucht, macht aber riesig Spaß. Und: Ohne Spaß kommt der Burnout. Ich glaube, das hängt an Chef und Führung. Unter Zeitdruck macht nichts Spaß. Das war 2016 so, und das ist heute so. Schon damals habe ich über Teamführung und worauf Vorgesetzte achten müssen geschrieben.
Was uns heute schützt
Meine Antwort von damals gilt immer noch, nur mit KI noch dringender. Schon 2016 habe ich geschrieben: Schlechte Software Qualität macht krank. So arbeiten wir heute:
- Abrechnung nach Aufwand: Kein Festpreis, kein Deadline Terror. Testing und Refactoring werden bezahlt.
- Maximale Tests: Unit Tests, E2E Tests mit Cypress und statische Code Analyse.
- Pipelines als Sicherheitsnetz: Fehler werden abgefangen, bevor sie live gehen. Die Pipeline trägt die Verantwortung, nicht der Mensch.
- Lieber einen Tag länger: Dafür ist es dann wirklich fertig.
Die KI sagt dir, es ist fertig. Die Pipeline sagt dir die Wahrheit. Das nimmt den Druck vom Menschen und legt ihn auf ein System, das nicht müde wird.
An alle CTOs, die gerade Agenten einführen
KI ist eine komplexe Technologie. Sie braucht jahrelange Erfahrung und ein extrem gutes CI/CD Setup. Sonst landet der ganze Druck bei euren Leuten, und gerade die Besten zahlen den Preis. Wir von Never Code Alone helfen euch dabei.
Und an alle, die gerade im Tunnel stecken
Holt euch professionelle Hilfe. Sprecht mit eurem Hausarzt, nicht nur mit Freunden. Freunde meinen es gut, aber sie sind keine Therapeuten. Ich habe den Schritt damals auch gemacht, und er war der wichtigste.
