Digitalos! Wie wollt Ihr eigentlich arbeiten?

Von Martin Wilbers
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little kid joking as a nerd

Wen ich mit Digitalos meine? Na Euch! Ihr, die Ihr die digitale Welt bevölkert. Ihr, die Ihr diese Welt verkörpert. Ihr, die Ihr diese Welt kultiviert habt. Und ihr, die Ihr in der Personalwelt der Wirtschaft und der öffentlichen Dienste in aller Munde seid. Aber – wißt Ihr eigentlich, was durch Euch und Euer Tun geschieht? Mal ganz abgesehen davon, dass Ihr letztlich diejenigen seid, die seit einigen Jahren die Welt und ihre Gesellschaften verändern.

Hat man Euch eigentlich richtig verstanden?


Blicken wir mal auf den Mikrokosmos des Wirtschaftslebens. Jenen sozialen Organismus, jenes gesellschaftliche Ökosystem, in dem wir uns fast alle irgendwie wiederfinden, weil wir am Ende des Tages einfach Brot und Butter kaufen müssen. Und ein Macbook (sorry, Windows-User. Ihr seid raus:) ).
In diesem Ökosystem, passieren wundersame Dinge. Und gleichzeitig wächst dort die Angst. Und ein kleines bisschen ist es auch die Angst vor Euch und dem, was Ihr und Eure Werkzeuge zu leisten im Stande seid. Vor vielen Jahren hat man über die Generation Y gesprochen. Und natürlich meinte man damit alle Menschen, die – je nachdem, welcher Studie man folgt – ab 1981 das Licht der Welt erblickten. Klar. Heute ist diese Generation quasi schon wieder ein alter Hut. Aber schauen wir trotzdem noch einmal hin.
Man hat also von Generation Y gesprochen. Da haben einige Unternehmen ruckzuck gedacht: Geile Sache, ich stelle einen Kickertisch auf, stelle einen Obstkorb hin und hau ein paar BahnCards raus und schon läuft die Kiste. Die Personalkosten müssten dann sinken. Weil, hey – diese neue Generation Y will ja eigentlich gar keine Karriere mehr machen und denen geht es auch gar nicht ums Geld. Saugut.
Das hat damals schon nicht gut funktioniert, weil man recht schnell feststellen musste, dass die Generation Y sehr wohl Geld verdienen und Karriere machen wollte. Nur eben anders als die Generationen vor ihr.

Und jetzt kommt Ihr

Und jetzt kommt Ihr dran. Ein paar von Euch kommen auch noch aus der Generation Y, aber in weiten Teilen seid ihr quasi schon mindestens eine Generation weiter. Ein paar Eigenschaften der Generation Y habt Ihr vererbt bekommen, andere selbst hinzu entwickelt. Am Ende des Tages will ich Euch aber mal erzählen, wie Ihr in der mittelständischen Unternehmenswelt da draußen verstanden werdet. Zumindest so, wie ich es oft erlebe.
Ihr seid die Nerds. Die Genies der Internetsurfer. Die Turnschuh tragende T-Shirt-Gang, die den Anzug ablehnt und ein Unternehmen keines Blickes würdigt, wenn es sich nicht um ein fancy Start-Up in Berlin, München, Hamburg, New York handelt und mindestens ein fetzenmäßiges MyMüsli zum Frühstück anbietet. Für Euch, so heißt es, braucht es Cafés, in denen Ihr arbeiten könnt. Ihr wollt keine Büros, Ihr wollt Open Spaces. Ihr haltet nichts von Hierarchien, aber genauso wenig von Führungsverantwortung. Ihr seid diejenigen, die mit agilen Methoden arbeiten und für die das herkömmliche Projektmanagement so verstaubt ist, wie die Projekte, die einstmals mit ihm entwickelt wurde.
Ihr seid ungeduldig, sprunghaft, lasst Euch nichts sagen. Euch ist es egal, ob Ihr mit einem Geschäftsführer, Vorstandsmitglied oder Eurem Sitznachbarn sprecht. Das „Du“ ist ein Muss und ist doch egal, ob derjenige, der vor Euch sitzt mehr zu sagen hat als Ihr. Ihr haut Eure Meinung raus, seid selbstbewusst und wollt Augenhöhe in jeder Beziehung.
Wenn es ums Arbeiten geht, dann wollt ihr selbst entscheiden. Flexible Arbeitszeit heißt für Euch schon lange nicht mehr „Gleitzeitregelung“ oder „Kernarbeitszeit“ und „Du kannst auch erst um neun kommen“. Flexible Arbeitszeit heißt, Ihr arbeitet, wann es Euch gefällt. Und letztlich auch von dort, wo es Euch gefällt. Denn über das Internet geht alles. Meetings, wenn überhaupt in Persona, werden nicht mehr in irgendwelchen Besprechungsräumen abgehalten. Sondern in Lounges. Das Flipchart ist dabei auch schon ziemlich out. Smartboard oder – etwas oldschool – Klebezettel an den Wänden. Das ist das neue Ding.
Ist eine Organisation nicht agil, hat sie für Euch keinen Arbeitgebermarkenwert. Ist eh schon hart, wenn das Unternehmen nicht mit der U- oder S-Bahn zu erreichen ist. Oder mit dem Fahrrad, weil der Laden halt nicht in der Metropole steht, sondern irgendwo auf dem Land.

Ihr seid digitale Geschäftsmodelle

Und früher, da war das Tablet oder das Business-Smartphone noch eine Art Benefit. Für Euch ist so etwas Minimalausstattung. Mindestmaß. Wenn das fehlt, ist eigentlich schon alles verloren.
Geschäftsmodelle, die nicht digital sind, langweilen Euch. Und müssen digital gemacht werden. Alles andere wäre Arbeit und das mit dem Arbeiten … naja. Man sagt Euch nach, dass Ihr das Arbeiten nie gelernt hättet. Was, genauso wie die Sache mit der Ungeduld, ein Stück weit an Eurer Elterngeneration liegt. Und an der digitalsozialen Welt, in der Ihr groß geworden seid. Denn Ihr wurdet ja ständig und immer sofort für alles belohnt. Mit „Gefällt mir“. Mit „I like“. Mit „shared“. Alles im sozialen Netz. Und wenn draußen, in der analogen Welt, irgendetwas schief lief, machte das nichts. Die Eltern haben es geregelt und Ihr hattet nie Schuld. Alles mollig warm bei Euch. Sagt man so.

Aktivismus die erste – und … Action!

Unternehmen gehen dann her und bauen um. Sie räumen alle Wände raus. Entwickeln einen Urwald aus Pflanzen und Espressobars. Sie geben Euch einen Rucksack oder einen Rolley mit Eurem Equipment und natürlich dürft Ihr Euch dann mehr oder weniger aussuchen, wo Ihr arbeiten möchtet. Der Kaffee ist natürlich all inclusive. Was auch sonst. Junkies.
Sie stellen Euch Spielzeug in die Arbeitsräume. Vorzugsweise digitales Spielzeug. Aber nicht nur. Denn Ihr wollt spielen. Das braucht Ihr, um in ein Stadium des „creative thinkings“ oder des „relax modes“ zu verfallen. Schließlich müsst Ihr ab und zu entspannen. Apropos entspannen: Einen Raum mit Massagesesseln gibt es natürlich auch.
Und weil Ihr keinen Bock mehr habt zu lesen, gibt es alles nur noch per Video. Intern wie extern. Digitale Unterhaltungen, Chats und Messenger. Alles viel effizienter und so viel bequemer, als zu telefonieren oder sich bestensfalls persönlich zu treffen. Immer diese Menschen.

Sie kämpfen um Euch

Unternehmen kämpfen um Euch. Vor allem auf dem Land. Aber auch in den Städten. Sie brauchen Euch und das versetzt Euch in eine sehr angenehme Lage. Weil Ihr aussuchen könnt, wo Ihr arbeiten wollt. Und dann gewinnen natürlich die Global Player, während der Maschinenbau Müller, der auch einen digitalen Vertriebskanal haben möchte, in die Röhre schaut.
Aprospos Maschinenbau Müller. Wisst ihr … die ganze Welt redet auch deshalb über Euch, weil sie auf der ständigen Suche nach neuen digitalen Geschäftsmodellen ist. Sie animieren Euch eigene Start-Ups zu gründen. Fördern Euch mit Accelerator-Clubs. Und kaufen Euch dann auf oder beteiligen sich an Euch. All überall braucht es Euch. Die Digitalos. Irgendwer muss ja schließlich die neue Software bedienen.
Das schlimme ist … all diese Dinge tun und denken die Unternehmen da draußen häufig, ohne vorher mit Euch gesprochen zu haben. Sie lesen Studien. Sie lesen Artikel. Sie hören den Kollegen in Ihren eigenen Sphären zu und sie gehen auf Konferenzen, auf denen Ihr behandelt werdet. Sie sprechen über Euch. Aber furchtbar selten wirklich mit Euch.
Und so entstehen vielleicht Vorurteile. Es gibt so viele Dinge, die ich oben aufgezählt habe, die toll sind an Eurer Generation und an Eurer Art zu denken. Zum Beispiel Euer Selbstbewusstsein, Euer Wunsch selbstständig und frei arbeiten zu können, auf Augenhöhe miteinander zu werkeln, ganz gleich, ob jemand Geschäftsführer, Vorstandsmitglied oder „einfach nur Entwickler“ ist. Oder das Ihr eine neue, beinahe unabhängige Art des Arbeitens gestaltet.
Aber es gibt auch Dinge, die nicht so schön sind. Zum Beispiel der Umstand, dass man Euch tatsächlich häufig als ungeduldig erlebt. Oder man das Gefühl bekommt, dass Ihr es nicht so mit Loyalität habt.

Aber seid Ihr das wirklich?

Viele vergessen, dass Ihr auch irgendwann in die Phase des Familienlebens kommt. Und in der Phase vielleicht andere Dinge für Euch wichtig sein werden, als davor. Eine Phase, in der für Euch die Bahncard nicht so viel bringt,  wie eine Karre. Oder wo Euch ein Dschungel und kostenloser Espresso vielleicht weniger gibt, als genügend Geld für Euer Häuschen und den Familienurlaub. Eine Phase, in der – vielleicht aus Eurer heutigen Perspektive – eben alles ein bisschen spießiger wird.
Aber wer weiß das schon? Weil man je eben nicht so oft mit Euch spricht. Bauchgefühl rules, scheint es manchmal.
Schlimm ist auch, dass alle danach rufen, digitaler werden zu müssen, aber gar nicht so viele verstehen, was Digitalisierung eigentlich heißt. Dass die nämlich zunächst einmal im Kopf beginnen muss und nicht mit der Software. Aber draußen wird anders herum gedacht. Erst die Software, dann der Kopf. Genauso wie mit Agilität. Das kann nicht nur ein Label sein. Sondern es muss im ganzen Unternehmen gelebt werden. Wer Digitalisierung und die agile Organisation nur als Möhre an der Schnur begreift, wird scheitern.
Es wird nur zähneknirschend akzeptiert, dass Digitalisierung und eine neue Generation eine neue Kultur brauchen. Und das Ihr es in der Hand habt, diese Kultur des Arbeitens und Geschäftemachens positiv zu gestalten. Dass Arbeit nicht entmenschlicht werden darf und selbst dann, wenn vieles über eine Algorithmus läuft, dennoch dahinter ein Mensch sitzt, der ihn programmiert.
Das Ding ist … ich persönlich würde viel lieber mehr mit Euch reden. Ich würde gerne von Euch hören, wie Ihr Euch das Arbeiten in unterschiedlichen Lebensphasen vorstellt, wie Ihr arbeiten möchtet, welche Benefits einen Arbeitgeber für Euch attraktiv machen und ob Ihr es wirklich so furchtbar findet, nicht im fancy pantsy Berlin, sondern in Buxtehude bei Hamburg  zu arbeiten. Ob Ihr wirklich 3 Millionen Menschen um Euch braucht oder auch 160.000 okay sind. Und was eine Lebenswelt privat wie beruflich für Euch wirklich lebenswert macht. Und das alles wüsste ich gerne nicht nur in Code-Tags oder Stichworten, sondern in ganzen Sätzen.
Ich glaube nämlich, Ihr seid eine super Truppe. Und ich glaube, Ihr werdet genauso oft missverstanden, wie man die Generation Y missverstanden hat. Und ich glaube, ältere Generationen können viel von Euch lernen. Genauso aber könnt Ihr auch viel von älteren Generationen lernen. Natürlich kann ich mich auch irren und alles ist genauso wie man es über Euch erzählt.
Ich wüsste gerne mehr. Von Euch.
Bildcredits by Freepik

Mehr zum Thema Arbeitgeberattraktivität findet Ihr auf www.martinwilbers.de. Oder im Podcast unter https://www.martinwilbers.de/podcast.html

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